Venezuela...nur sechs Monate
Wie Karl Ferdinand* nach Südamerika kam - nach einer wahren Lebensgeschichte
von Ulrich F. Sackstedt
*) Name geändert

Ein sonniger Maitag im Jahre 1979.
Ein Jahrzehnt der Ernüchterung hatte begonnen. Die wilden Endsechziger und 70er Hippiejahre waren vorbei. Deutschland kehrte zur Normalität zurück, überall wendete man sich allmählich wieder dem zu, was möglich war. Wenige Jahre später äußerte sich dies auch in der Volkskultur. Der Schlager "Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt..." war neben anderen der "Neuen Deutschen Welle" ein beliebtes Musikstück. Auch der kalte Krieg ging noch munter weiter, nach der Methode R.Reagan wurden Raketen nachgerüstet als "Schutzschild gegen den Kommunismus". Die Bundesrepublik befand sich leider noch immer an der Nahtstelle der beiden großen Blöcke.
Junge Leute wanderten aus Deutschland in vermeintlich ruhigere Gegenden des Globus aus.

Karl Ferdinand tat dies nicht, jedenfalls nicht aus den erwähnten Gründen, denn er dachte pragmatisch. Er war ein technisch begabter Mensch, ein Tüftler, flexibel in der Aufgabenbewältigung und er arbeitete mit Sorgfalt und Freude an der Sache.
Karl war in der Firma Johannes Neubauer Schweißtechnik beschäftigt. Er war gelernter Kfz-Mechaniker und als solcher mit allen Arbeiten im Bereich 'Metall' vertraut. Die Firma Neubauer bediente einen speziellen Bereich in der Bauindustrie, das Herstellen von Stahlmatten für das Monieren von Betonteilen.
Eines Tages kamen Neuigkeiten aus der Direktion der Firma. "Hast du schon gehört? Die suchen einen, der nach Südamerika geht". Sein Kollege Paul Breitlich saß öfter mit ihm in der Mittagspause am selben Tisch.
"Ne, was du nicht sagst, warum nicht nach China?" war Karls Antwort. Südamerika konnte wohl nicht ganz stimmen. Ein Scherz, wie es Pauls Art war.
Sie lachten.
"Ne, im Ernst, keine Spinnerei, glaub mir!"
Karls Gesichtbekam einen nachdenklichen Zug. Er legte die Gabel auf den Teller, nahm sie nochmal hoch, legte sie wieder hin, machte das mehrmals hintereinander, zog die Lippen zusammen, klopfte mit der Gabel wie beschwörend an den Tellerrand und sagte nur "Mh". Dann gingen sie wieder an die Arbeit, denn die Mittagspause war vorüber.
Zu Hause sagte er garnichts.
Am nächsten Tag aber ging er ins Büro. Er musste wissen, was dahinter steckte.
"Ich habe gehört, Sie suchen jemanden für Südamerika?"
"Richtig, Herr Ferdinand! Sie sind also an einer Tätigkeit in Südamerika interessiert?" fragte ihn Müller, der Personalchef.
Wie er da so behäbig hinter seinem Schreibtisch saß, den Bleistift senkrecht auf die Schreibunterlage stellte und ihn aus seinen stets zusammengekniffenen Augen ansah, roch die Sache eher nicht wie ein Abenteuer, mehr nach einem militärischen Auslandseinsatz.
Karl stellte eine Gegenfrage. "Darf man fragen, wo genau?"
"Natürlich dürfen Sie fragen. V-e-n-e-z-u-e-l-a."
"Achso, Venezuela, jaaa...und was soll ich da machen?"
"Sie sollen eine neue Anlage aufbauen, Stahlmattenproduktion nach der neuen Z3-Methode, wie hier auch."
Karl nickte, denn die Technik war ihm bestens bekannt.
"Und ich arbeite dort weiter für Sie?"
"Natürlich, wir wollen dort eine Filiale aufbauen und die Produktion soll bald losgehen. Da könnten wir Sie als erfahrenen Schweißprofi gut gebrauchen. Zunächst für sechs Monate, dann sehen wir weiter. Mit Auslandszulage und Verschiedenes mehr."
Er wollte ihm die Sache also schmackhaft machen.
Müller schien gut gelaunt und die Sache kein Problem zu sein.
"Meinen Sie, dass ich mit dem Klima da zurechtkomme? Ich meine nicht das Betriebsklima, sondern..."
"Ich verstehe schon." Sie lachten. "Da ist's ein bisschen wärmer als hier, aber das macht Ihnen doch als junger Bursche nichts aus, oder?
Karl wiegte den Kopf leicht hin und her.
Also Sie können sich die Sache überlegen, aber bis Ende der Woche brauche ich Bescheid."
Er nickte. "Ende der Woche, geht in Ordnung. Dann erstmal tschüß für heute."
"Tschüß Herr Ferdiand!"
Er verließ den flachen Glasanbau vor der großen Halle. Leichter Nieselregen fiel aus einem bleigrauen Himmel.
Karl war gerade 40 geworden. Junger Bursche, haha, na ja, alt fühle ich mich noch nicht. Hab zwar Frau und Kind, aber na ja, Venezuela ist vielleicht mal was anderes. Das dachte er jetzt.
Noch war die Sache nicht ganz entschieden, sowas musste reifen, brauchte seine Zeit, bis...ja bis man hier alles aufgab. Aber es war ja nur für sechs Monate. Was sind schon sechs Monate...dachte er bei sich. Und das gute Geld konnte er auch gebrauchen. Wer will da schon nein sagen. Aber die Familie. Was würde die dazu sagen?

"Buenos dias, Señor Fer-di-nand! Bienvenido en Venezuela!" Dieses Ferdinand ging ihm schwer über die Zunge, also einigte man sich auf die spanische Übersetzung und Karl hieß ab sofort 'Señor Fernando'.  Raul Estefano war ein Einheimischer und holte Karl vom Flughafen ab. Schwer lag die Nachmittagshitze, drin in der Abfertigungshalle war es angenehm klimatisiert gewesen. Im Auto war es ähnlich heiß wie draußen. Hupkonzerte ertönten, irgendjemand fuhr bei 'grün' nicht weiter und produzierte einen Stau. "Esta es la musica sudamericana, Señor!" Raul lachte. Karl verstand nur 'musica' und konnte sich denken, was gemeint war.
Dann irgendwann eine oder zwei Stunden später saß er im Büro von Firma "Neubauer/TCA Venezuela S.A. - tecnologia con acero" in Barquisimeto.

Barquisimeto

Auch hier war es klimatisiert.
"Na, haben Sie's geschafft oder sind Sie geschafft?" fragte eine freundliche Bassstimme, die aus dem vollfleischigen Gesicht Enriques tönte.
"Und wie ich's geschafft habe!" Karl Ferdinand strahlte, stand da, wie jemand, der auf seinen Auftritt im Theater wartet.
Der notwendige Papierkram wurde geregelt. Dazu gab's ein eiskaltes 'Cerveza Estrella Dorada', ein einheimisches Bier. Man kam sich näher. Don Enrique, der Bürochef - er war ein Deutscher mit Namen 'Heinrich Berlacher', dann der Übersetzer Alberto Nuñez, einheimischer Venezolaner und Karl Ferdinand aus Deutschland. Eine wohlgebaute braunhäutige Muchacha brachte den Biernachschub. Bald war man auf "Du".
Als die Muchacha wegging, schaute Karl ihr hinterher.
"Guck dir ruhig die Augen aus, Carlitos, so was siehst du hier alle Tage!"
Karl kniff die Lippen zusammen und schaute mit weit geöffneten Augen.
Einzelheiten für die nächsten Tage wurden geregelt. Als sie das Büro verließen, gab es gerade einen heftigen, tropischen Sturzregen. Karl und Alberto warteten unter dem Vordach eines benachbarten Gebäudes. Irgendwo in der Nähe bellte ein Hund. "Caramba, que has hecho..." beschwerte sich eine Männerstimme. Dann keifte eine Frau ein paar schnelle Sätze  hinter einem offenen Fenster. Danach war laute Radiokusik zu hören. Vereinzelte Bananenstauden an den Wegrändern. Die Straße mit Namen Don Rosario, eigentlich war es eher ein breiter Lehmweg, war durch den Regenguss in Kürze zu einer Aneinanderreihung von mittelgroßen Tümpeln geworden. Am Himmel die letzten grauweißen Wolkenbatzen, die aussahen, wie zusammengeknülltes Papier. Schon hatte die  übermächtige Sonne den Himmel für sich zurückerobert.
An der nächsten Straßenecke winkte Alberto ein Taxi, ein Porpuesto, heran. Da konnte man auch zu mehreren zahlenden Personen mitfahren, so wie man beim Bus auch bezahlt. Aber dieses hier war gerade leer und so zahlte er auch nur für eine Person. "Wohin?" fragte der Taxifahrer. "Zur Calle de los Santos!"
Bis zum Hotel waren es etwa 10 Minuten.
Der Wagen hielt. Hotel Miramar. Hier sollte Karl für die nächsten sechs Monate sein Domizil haben. In der Zeit sollten dann unter seiner Leitung alle Maschinen in der Fertigungshalle aufgestellt und eingerichtet sein. Im Oktober würde er wieder nach Deutschland zurückfliegen.

In der Bar "El Cocodrilo" herrschte Hochbetrieb. Die Lautsprecherboxen gossen Salsa, Merengue, Balladas und jede Menge mehr in das überwiegend männliche Publikum. 21 Uhr, die Nacht war noch jung. Karl hatte gerade einen leeren Barhocker an der Theke erwischt, bestellte einen "Cielo azul" und sog den ungewohnten Geschmack dieses tropischen Gebräus in sich auf wie ein Baby die Muttermilch. Dies war der Geschmack Venezuelas. So leicht war das also, ein bisschen Arbeit für Firma Neubauer und schon war er ein anderer Mensch. Endlich hatte er das graue, übervölkerte, noch immer an den Wunden der Hitlerzeit und den Nachwehen des Hippierauschs laborierende Deutschland hinter sich gelassen. Schlechtes Wetter war hier ein Fremdwort. Wie frei fühlte er sich hier, obwohl er ja ein "extranjero", ein Fremder war.
Die Musikbox spielte eine moderne Version von 'Besame, besame mucho'. Einige Paare bewegten sich innig verschlungen auf der Tanzfläche. Einige klatschten den Rhythmus mit der Handfläche auf der Bar mit. Überall lachende Gesichter und Menschen, die miteinander scherzten. So etwas gab es in Deutschland nicht.
Die fröhlichen Gesichter und Laute der Menschen um ihn herum schienen zu sagen: Wir nehmen dich bei uns auf, wenn du willst...
Und es war nichts Zwanghaftes, es war ein nur Angebot, zu ihnen dazu zu gehören. Nach wenigen Minuten hatte er mit seinen paar Brocken Spanisch, die er in Deutschland vorher gelernt hatte, die Gemüter der Thekennachbarn gewonnen. Sie nannten ihn jetzt alle "Carlitos" aus Alemania.
Spät in der Nacht fand Karl seinen Weg zum Hotel und schlief bis in den späten Vormittag, denn es war Sonntag.

"No Miguel, falta una tabla - ein Brett fehlt noch, da...auf der anderen Seite!"
Miguel steckte das Schalbrett dahin, wo noch eines fehlte, denn mit drei Brettern war die rechteckige Aussparung im späteren Betonboden nicht vollständig. Er war nur ein Aushilfsarbeiter, ein Handlanger ohne große Erfahrung, der seine sechsköpfige Familie im Armenviertel von Barquisimetro irgendwie miternähren musste. Geld für die Schule war nicht da, alle mussten mitarbeiten. Das meiste Geld brachte der Vater nach Hause.
"Ich weiß, ich bin ein Trottel," sagte er, "aber auch ein Trottel muss irgendwie leben!"
Die nächsten Wochen wurden zunächst Vermessungsarbeiten durchgeführt und der Hallenboden weiter für die Aufstellung und Verankerung der schweren Maschinen vorbereitet. Die Arbeit ging gut voran, denn Karl hatte Erfahrung und die Mitarbeiter zeigten sich trotz lückenhafter Kenntnisse willig. Dafür sprachen sie Spanisch und man konnte von ihnen die Sprache etwas lernen.
Beton musste gegossen werden, Rohre für Kühlwasser mussten verlegt werden, denn Schweißmaschinen erzeugten viel Wärme, die durch Kühlwasser abgeführt wurde. Gitterroste mussten hergestellt werden für die Abdeckung von Gängen, die sich unterhalb der Maschinen befanden, um dort das Wasser aufzufangen. Dann mussten die starken Elektrokabel verlegt werden, die die Energie für die Maschinen zur Verfügung stellten. Das alles machten ganze drei deutsche Facharbeiter, von denen einer Karl Ferdinand war. Gustav Feininger und Willi Dreifuß waren die anderen. Eine Handvoll Venezolaner, die nur als Handlanger arbeiteten, halfen ihnen: Miguel, Pedro und Titus.
Zum Schluss wurden die tonnenschweren Punktschweißmaschinen mit einer Kranbrücke innerhalb der Halle an ihren endgültigen Standort verbracht. Beinahe hätte es dabei noch ein Unglück gegeben, als Titus eine Kette zum Anheben der tonnenschweren Maschine nicht richtig befestigt hatte. Aber kurz nach dem Abheben vom Boden rief Gustav:"Halt, die ist nicht fest! Der Sicherungsbolzen fehlt!" Schnell wurde die fehlerhafte Befestigung korrigiert.
Nach den ersten zwei Monaten nahm die installierte Technik langsam Gestalt an. Eine der Punktschweißmaschinen stand und war fehlerlos ausgerichtet und fixiert. Bald sollten hier aus Stahldrähten Gittermatten entstehen, die man für Betongießteile zur Armierung benötigte. Der Bauboom in Venezuela schuf zu jener Zeit ein günstiges Klima für Investoren aus dem Ausland.



Die neue Filiale stand jedoch nicht unter deutscher, sondern venezolanischer Leitung, denn dies war Bedingung beim Abschluss des Vertrages gewesen. So hatte man durch eine 51%-Mehrheit immer die Oberhand, wenn es um Konflikte ging.
Im Oktober 1980 war alles vollendet und  Karl flog mit seinen beiden Kollegen nach Deutschland zurück, wo sie ihre gewohnte Arbeit bei der Stammfirma in der Nähe Hamburgs wieder aufnahmen.

Es war Kurz vor Weihnachten. Schnee lag nicht, aber das Wetter war nasskalt. Draußen hatten die Leute die Mantelkragen hochgeschlagen. Taschentücher, rote Nasen, Grog am Abend, klamme Finger, das waren die Attribute des norddeutschen Winters.
An einem Freitagnachmittag, kurz vor Arbeitsschluss.
Das Telefon klingelte bei Firma Neubauer in Deutschland.
"Hier Neubauer Venezuela, Berlacher am Apparat, könnte ich Herrn Ferdinand sprechen?"
"Ich versuche es, hoffentlich ist er noch da..."
Schnellen Schrittes lief die Sekretärin den Gang hinunter, um Karl Ferdinand über die Lautsprecheranlage herbeirufen zu lassen.
"Herr Ferdinand, ein Gespräch für Sie aus Venezuela!"
Karl war aufgeregt. Er beeilte sich, ins Büro zu kommen.
"Ja, hier Ferdinand."
"Hola Carlos, como estas?"
"Gracias, muy bien, que novedades?"
"35 grados en Barquisimetro, aber sprechen wir lieber deutsch.." Damit war Karl natürlich einverstanden, zumal seine Spanischkenntnisse nach sechs Monaten da drüben noch nicht so perfekt waren.
"Also wir sind hier alle der Meinung, dass es ohne dich nicht geht. Es gibt immer wieder Probleme mit den einheimischen Arbeitern, wenn sie Probleme bei unseren Schweißmaschinen beheben sollen.. Es wäre wirklich besser, wenn wir einen Fachmann hier hätten, und du bist der Fachmann, das weißt du."
Karl lachte ein wenig. "Das mag sein, aber wie soll ich hier weg?"
"Da sehe ich kein Problem. Der Chef stellt dich für einige Zeit frei."
"Was heißt >für einige Zeit<?"
"Für einige Zeit eben, ein paar Jahre oder so..."
"Du bist lustig!"
Insgeheim malte sich Karl schon aus wie das sein würde für ein paar Jahre, das warme Wetter, die fröhlichen Menschen und vieles mehr."
"Dann musst du mit dem Chef darüber reden, ich kann das nicht."
"Ja, klar, was denkst du, das hätte ich sowieso gemacht."

Ende Januar war es dann soweit. Der erneute Abschied von der Familie war nicht leicht. Die Rollbahnen auf dem Flughafen in Hannover waren von leichtem Neuschnee bedeckt, der immer wieder weggeräumt wurde. Karl saß in der Abflughalle, neben sich eine kleine Reisetasche mit dem, was man für einen Langstreckenflug braucht. Seine Augen suchten die Parkbereiche der gelandeten Maschinen ab. Da stand sie. Eine blausilberne Boeing 727.
30 Minuten später saß Karl in der Maschine.
Das erste Ziel hieß: Paris. Von da gings dann mit dem Jumbojet weiter über den Atlantik, der puren Sonne Südamerikas entgegen. Während das Flugzeug südwestwärts zog, gingen Karls Gedanken teils zurück nach Deutschland, zu seiner Familie und seiner Arbeit, teils eilten sie der Maschine voraus und waren schon in Caracas gelandet.
Das hätte er wirklich nicht gedacht, nach so kurzer Zeit schon wieder in dieselbe Richtung zu fliegen. Er wusste, dass es diesmal für länger sein sollte und dass die Familie bald nachkommen würde.



Die Begrüßung mit den Kollegen in Barquisimetro fiel herzlich aus, so, als wenn ein alter Freund zurückkehrt. Die Venezolaner wollten wissen, wie das Wetter in Deutschland war. "Todo con nieve - alles schneebedeckt!" So etwas kannten sie nur aus Erzählungen von Gebirgsreisenden, die die Kordillere besucht hatten.
El Aleman war zurück - nun hatten sie Karl wieder. Berlacher gab einige Runden aus, der venezolanische Teilhaber war diesmal auch zugegen, Benito Callaba, ein untersetzter, stämmiger Bursche mit einem breiten schwarzen Schnurrbart und stechend schwarzen Augen, fast wie ein Inder.
"Salud, collegas, vamos a tomar un o dos... Prost, Kollegen, trinken wir mal ein, zwei..." es konnten natürlich auch ein paar mehr sein. Er meinte das nicht so wörtlich.
"Por una buena cooperacion - auf gute Zusammenarbeit!" Berlacher hob sein Glas und prostete allen zu.
Cuba libre war auch hier eine beliebtes Gesöff. Karls Ohren mussten sich erst wieder an die neuen Geräusche gewöhnen, lautes Sprechen, lautes Lachen, Scherzen, ein paar faule Witze, man zog sich gegenseitig auf. So war und so ist das in Südamerika, nichts für Überempfindliche oder Menschen ohne Humor. Das Leben war hart genug hier, also nahm man es von der leichten Seite. Die Mundwinkel hingen hier nicht runter, sondern gingen nach oben. Das hellte die Gemüter ungemein auf.

Nach sechs Monaten. Eines Sonntags. Karl war unterwegs zum Flughafen. Frau und Sohn hatten ihre Papiere klar bekommen und ihre Maschine sollte in etwa einer Stunde landen. Karl wartete. Die Maschine hatte ein wenig Verspätung. Dann gab es endlich das langersehnte Wiedersehen.
"Habt ihr einen guten Flug gehabt?"
"Na klar, alles toll. Oh und eine Wärme habt ihr hier!"
Für Sohn Julius war es der erste Flug seines jungen Lebens. Er war 11 Jahre alt.
Jutta war ganz aus dem Häuschen. Für sie brach jetzt eine aufregende Zeit an.
Schon bald waren sie in ihrem neuen Zuhause. Karl hatte eine moderne Dreizimmerwohnung im Stadtteil "Tres Hermanas" gemietet. Gegenüber lag ein kleiner, von schattigen Palmen gesäumter Park mit Spielplatz, Bänken und einem Kiosk. Da konnte Jutta mit Julius hingehen, wenn sie mal an die frische Luft oder neue Kontakte knüpfen wollten.
Möbel waren auch schon vorhanden, nur ein Wohnzimmerschrank fehlte noch.
"Das hätte ich nicht gedacht, Schatz, dass man hier so wohnt wie in Deutschland," sagte sie erstaunt, als sie alle Räume angeschaut hatte. "Hast du etwa geglaubt, wir wohnen hier im Urwald?" wunderte er sich.
"Das nicht, aber...naja, wenn ma so weit weg ist, hat man andere Vorstellungen von Südamerika."
Karl nickte. "Die hatte ich ja auch, falsche, bis ich sie hier korrigiert habe."
Jutta machte einen entspannten Eindruck. Sohn Julius - er wurde bald in Julio umgetauft - schaute derweil in allen Räumen aus den Fenstern. "Gibt's auch Kinder?" fragte er.
"Natürlich, gibt's hier Kinder, beruhigte ihn Vati, "die lernst du bald kennen."
Nun kam einiges auf die beiden zu, die neue Umgebung, die neue Sprache, alles war neu. Aber Karl war ja inzwischen schon ein alter venezolanischer Hase und konnte Frau und Kind überall zur Seite stehen.

Die Produktion lief auf Hochtouren. Nun, da Karl wieder dabei war, gab es keine größeren Pannen mehr. Täglich liefen einige hundert Meter Stahlgittermatten aus der Maschine. Der Baumarkt schluckte sie ohne weiteres, denn Konkurrenz war nicht vorhanden, jedenfalls nicht hier.
An den Wochenden brach die Familie zur Küste auf, nach Puerto Cabello oder aber zum Maracaibo-See, der eigentlich eine Meeresbucht darstellt. Beide Ziele waren nach etwa zwei bis drei Stunden Autofahrt zu erreichen. Während an der Küste endlose Strände zum Baden und Sonnen einladen, ist der Maracaibosee auch zum Angeln geeignet. Das Wasser hat fast Süßwasserqualität, denn die Zuflüsse in den See haben das salzige und schwerere Meerwasser in tiefere Schichten vedrängt.
"Halt die Angel fest, es tut sich was," rief Karl seinem Sohn zu, "ich hole den Kescher!" Nach wenigen Sekunden war Karl zurück und watete ins Wasser hinein, so weit, dass er den großen, am Haken hängenden Fisch mit dem Kescher einfangen konnte. Der zappelte natürlich wie verrückt, aber bald war es geschafft. Ein kleines Lagerfeuer war schnell aufgebaut und als die Sonne sich dem Wasserspiegel des Sees zu neigte, brutzelte eine köstliche Curbina in der Pfanne, die allen schmeckte. Die Sonne war bald verschwunden und die Nacht breitete ihren Mantel über das aufgeheizte Land. Spät am Abend goss der Automotor sein summendes Lied über den Asphalt und brachte die Ferdinands nach Hause.

Maracaibosee

Manchmal unternahmen sie Fahrten an den riesigen Maracaibo-See, der eigentlich eine Meeresbucht ist. Wegen der Meerenge in seinem oberen Teil bekommt der See aber kaum noch Salzwasser herein. Durch die vielen Süßwasser-Zuflüsse im unteren, größten Teil des Sees ist das Wasser im Laufe langer Zeiträume ausgesüßt, zumindest in den oberen Schichten. Auch Delfine tümmeln sich dort, allerdings nur im Grenzbereich, dort wo die Meerenge von der größten Brücke der Welt überspannt wird. Der See ist aus vielen Erdkundebüchern bekannt als Gewässer, das von Ölbohrtürmen übersät ist. Dennoch ist das Wasser nicht vom Öl kontaminiert, da die Technik auf dem Laufenden gehalten wird.
Hier warf Karl des öfteren im Dunkeln seine Angel aus, wenn die Fische sich im Scheinwerferlicht der Bohrtürme zu großen Schwärmen sammelten. Oder er fuhr mit seinem Motorboot ans gegenüberliegende Seeufer. Man traf dort mitunter zufällig auf Venezolaner und lud sich gegenseitig zu einem Umtrunk ein. Es konnte auch vorkommen, dass man für einen Spottpreis gemeinsam mit wildfremden, aber sympathischen Menschen für einen Tag eine Yacht mit Skipper charterte und ein Stück aufs Meer hinausfuhr. Feuchtfröhliche Unterhaltung war dabei immer garantiert.
"Sowas wäre hier undenkbar, ihr kanntet doch die Leute garnicht!" sagte seine Mutter, als er mal wieder in Deutschland zu Besuch war.
"Du brauchst sie auch nicht zu kennen, Mama, es ist alles ganz unkompliziert, verstehst du?"
Sie schüttelte ob solch ungewohnter Verhaltensweisen nur ungläubig den Kopf. Manchmal hatte Karl den Eindruck, dass sie sich garnicht vorstellen konnte, wie man in Venezuela als europäischer Mensch überleben konnte.
Und Karl überlebte nicht, sondern er lebte richtig, so wie er es in Deutschland nie gekonnt hätte.
"Lebensfreude pur, das geht in Südamerika nur!" war sein Wahlspruch.

Das Unerwartete kam nach drei Jahren, die Familie hatte sich inzwischen gut in Venezuela eingelebt, alle sprachen jetzt Spanisch, doch bei Karls Job kündigte sich eine Krise an. Natürlich war er nur ein kleiner Angestellter, mehr nicht. Aber er merkte, dass etwas nicht stimmte. Der Chef kümmerte sich um seine Firma wenig, war immer auf Reisen und machte sich offensichtlich ein schönes Leben, während seine Mannschaft munter Stahlgittermatten produzierte. Das hatte auch seine guten Seiten, denn so konnten sie in seiner Abwesenheit ungestört so arbeiten wie es ihnen passte und wie es richtig erschien. Keiner meckerte hinein.
Dann kam ein Anruf der Bank.
Berlacher nahm ab. "Ja bitte, den Chef wollen Sie sprechen?"..."Nein, Señor Moreno ist nicht da."...Wo er ist?"..."Keine Ahnung, er ist viel unterwegs."
Damit war das Gespräch schon vorbei.
Am nächsten Ersten gingen die Angestellten von Firma Neubauer/TCA Venezuela leer aus. Es gab keinen Scheck mit dem erwarteten Lohn. Nichts, null komma null. Die Belegschaft wurde unruhig, hier und da wurden Vermutungen laut, die sich dann bestätigten. Einige Tage später wurde die Wahrheit bekannt. Moreno war mit all dem Geld seiner Firma auf und davon, hatte weder seine Stahllieferanten noch seine Angestellten bezahlt. Damit war Neubauer/TCA zahlungsunfähig.
Das Schicksal der Firma war besiegelt, Neubauer/TCA Ven. war am Ende. Dabei hatte alles so gut funktioniert, genügend Aufträge, prompte Lieferungen, alles. Was nun?
Für Karl war der erste Traum ausgeträumt, aber sein venezolanisches Leben war noch nicht zu Ende.

Es war in Caracas. Eine Party deutscher Unternehmer mit ihren venezolanischen Freunden. Man hatte sich im "Papagallo" getroffen. Es war nicht lange, nachdem Neubauer bakrott gegangen war. Karl war auch eingeladen.
"Ich biete dir 'n Job an. Wenn Du willst."
Gerhard Denkmann war Unternehmer, ein netter Mensch, und was das Wichtigste für Karl war, er suchte natürlich zuverlässige Mitarbeiter. Er war schon vor Jahren aus der "Deutschen Demokratischen Republik" nach Venezuela eingewandert und sein Metier war die Landwirtschaft, besser landwirtschaftliche Technik. Er importierte Melkmaschinen aus der DDR und verkaufte sie an venezolanische Bauern. Darüber hinaus baute er ganze Kuhunterstände auf und alles was dazu gehörte.
"Willst du für mich solche Maschinen aufbauen?"
Karl musste nicht lange überlegen. Als Maschinenschlosser war er flexibel und er brauchte dringend eine neue Arbeit.
"So machen wir's. Nächsten Montag fängst du bei mir an."
Händeschütteln reichte fürs erste.



Jetzt lernte Karl nebenbei das ganze Land kennen. Kreuz und quer fuhr er durch Venezuela und überwachte bei Denkmanns Kunden den Aufbau der Kuhmelkanlagen.
Das tat er nun das ganze folgende Jahr hindurch.
Heute befand er sich bei einem Kunden in Barcelona.
"Du machst das gut, Carlos. Ich glaube, du hättest Talent für noch Besseres als dies hier."
"Wie bitte?" Karl verstand zunächst nicht, was Benito Silvera meinte. Er runzelte die Stirn. Explicame por favor...erklär mir das mal näher. Der Melkstand war fast fertig. Wieder 36 Grad im Schatten. Eigentlich Zeit, ins kühle Hotel zurückzufahren. Karl wischte sich die Hände an einem öligen Lappen ab und nahm die Flasche Bier, die ihm Silvera hinhielt. Karl ahnte schon, dass es heute nicht ganz so früh werden würde mit seinem Hotel. Sie kamen ins Gespräch. Silveira war nicht nur Campesino, also Landwirt. Nein, das war er nur so nebenbei. Findig wie er war, hatte er noch zwei Fabriken auf die Beine gestellt, die Spezialteile für erdölverarbeitende Maschinen herstellten.
"Du sollst für uns Ventile einbauen."
"Ventile?" Karl dachte an seine Autoreifen, sah ihn ungläubig an.
"Nein, nicht für Autoreifen!" Silvera lachte, als hätte er die Gedanken Karls geahnt.
"Dies sitzen in den Pipelines für das Erdöl, verstehst du?"
"Ah, jetzt verstehe ich. Das musst du mir aber erstmal zeigen."
Karl ahnte schon, dass diese Art von Ventilen sicher sieben Nummern größer ausfallen würden als alles, was er kannte.
"Kein Problem, amigo, morgen zeige ich's dir."
Am nächsten Tag brachte Benito ihn zu einer Pumpstation. Karl besah sich diese riesigen Ventile näher, mit denen man den Strom der wertvollen Flüssigkeit regeln oder auch ganz unterbrechen konnte. Sie wurden sich schnell einig, denn Silvera bot ihm auch entschieden mehr Lohn an. Da konnte und wollte er auch nicht nein sagen.

Ölbohrturm  
Bohrturm


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