In Callao
und Lima
Erinnerungen
an einen Aufenthalt in Callao/Lima im Juli/August 2005
Ende Juli
2005. Ein Morgen wie viele andere. Wir wohnen in einer Seitenstraße der
Avenida Benavides.
Lima und
genauso Callao sind von einer dichten Hochnebeldecke verhüllt.
Temperatur etwa
17 bis 18 Grad Celsius. Die Luft fühlt sich wärmer an als sie ist. Ich
schaue
auf die Straße unseres Viertels. An vielen Stellen liegen Abfälle,
achtlos
weggeworfen oder aus der übervollen Mülltonne gefallen oder von Hunden
dort
herausgezerrt.
Ein
herrenloser Hund trottet auf den großen Betonplatten des Bürgersteiges
entlang.
Von gegenüber
dröhnt übermäßig laut aufgedrehte Rockmusik aus einer Wohnung.
Die eiserne
Vorgartentür unseres Hauses schlägt metallisch laut ins Schloss. Meine
Schwiegermutter Irma geht schnell zur nächsten Ecke, um Brötchen zu
holen. Man
sagt hier aber einfach „pan“ dazu,
obwohl es nach deutschem Verständnis kein Brot ist. Kleine Läden gibt
es
überall, auch Kioske, die bis spät abends geöffnet sind. Tifo, der
Hund, läuft
ein Stück mit ihr.
Etwas später
sitzen wir unten im langgestreckten Wohnzimmer und trinken unsern
ersten Tee
oder Orangensaft. Von nebenan dringen Kindergeräusche durch die Wand
bzw. die
provisorisch verdeckte Tür. Da war früher mal die Garage, jetzt ist sie
vermietet und wird als Kleinstwohnung benutzt.
Auf dem
schweren, antik aussehenden Wohnzimmertisch liegen ein paar
Plastiktüten mit
Käse, Wurst und noch anderen Spezialitäten, die ich nicht kenne.
Hinter mir
jenseits des hofseitigen Fensters flattern Irmas Tauben auf und ab. Sie
haben
gerade ihr Körnerfutter bekommen. So ist das jeden Morgen. „Pobrecitos
animalitos“ – arme Tierchen - nennt sie sie, weil Irma tierfreundlich
ist.
Andere hassen die Tauben und vergrämen sie durch allerlei an den
Fenstern und
Dachkanten angebrachte Vorrichtungen. Irmas Tauben lassen sich aber
nicht
vergrämen. Sie kommen und gehen, pardon: fliegen, wie sie wollen. Nicht
alle
sind gleichzeitig im Hof gelandet. Einige Nachzügler kommen noch von
weiter
oben auf dem Dach.
Tifo darf
jetzt nicht auf den Hof - da schläft er nur nachts in seiner Hütte - er
könnte
Appetit auf eine Taube bekommen.
Ich habe meine
Strickjacke angezogen, bevor ich vom oberen Stockwerk gekommen bin.
Heizungen
kennt man hier nicht. Eine alte Tageszeitung „El Comercio“ , die größte
Perus
übrigens, liegt auf dem Tisch. Wir sprechen Spanisch, d.h. ich spreche
zwar,
aber den Gesprächspartner zu verstehen, fällt mir nicht leicht.
Trotzdem klappt
es mit einigen Wiederholungen und Erklärungen und etwas Geduld.
In der Küche
werkelt Jonny, der Hausdiener, ein Indiojunge von etwa 18 Jahren. Er
kommt
jeden Morgen ins Haus um zu helfen. Oft wird er zum Einkaufen
geschickt. Dann
läuft er zum Laden oder zum großen Markt, der nur drei Minuten entfernt
ist.
Er hat immer
eine Baseballkappe auf und ein Lächeln huscht über sein Gesicht, wenn
man
Blickkontakt mit ihm hat.

Den Hund Tifo
hat Irma auch gerettet. Er war zuvor in einer Familie mit einem
gewalttätigen
Mann, der den armen Hund fast totgeschlagen hatte. Seine Herrin hatte
ihn dann
Irma zur Betreuung angeboten. Er ist jetzt immer noch sehr schreckhaft
und geht
auf Distanz, wenn man eine falsche Bewegung macht. Gern steht Tifo
unter dem
Tisch, legt einem die Schnauze ganz lieb und geduldig aufs Bein und
wartet,
dass er einen Happen bekommt. Meistens gebe ich ihm etwas und er ist
dann ganz
glücklich.
Die metallenen Fenster hier sind alle nicht dicht gebaut, haben Lücken
und Ritzen und klappern in den Rahmen. An der Hausfront gibt es einige,
deren Scheiben man lamellenartig öffnen kann, um Luft hereinzulassen.
Jetzt im nebligen Winter empfinde ich das eher als störend, denn es
herrschen nur etwa 17 bis 18 Grad Celsius draußen und Heizungen kennt
man auch nicht. Manchmal glaubt man, auf der Straße zu sitzen, weil ja
jedes Geräusch praktisch ungehindert nach innen dringt. Aber hier stört
das niemanden. Man sieht sich als Teil der Umwelt, der ganzen
Gemeinschaft des Stadtviertels, und man sperrt sich nicht gegenseitig
voneinander ab. ennoch achtet man bei der hier allseits gestiegenen
Kriminalität auf Sicherheit und hat vor allen Fenstern und Türen
schwere eiserne Schutzgitter angebracht. Man empfindet das ein bisschen
wie ein Gefängnis, aber es tut not.
Die Menschen sind sehr nett, auch auf der Straße, wo ja fast alles
stattfindet, vom Schwätzchen bis zur kompletten Autoreparatur. Ich
spreche einen Mann an, der neben seinen alten Opel Kadett aus den 60er
Jahren steht. "Sieht fast neuwertig aus, das Auto", sage ich zu ihm.
Ich erfahre, dass der Wagen immer noch den ersten Motor hat.
In einer anderen Seitenstraße ganz in der Nähe wieder ein alter Opel,
ein
"Rekord". Er wird gerade repariert. Grund ist, die Leute leben auf
Grund der niedrigen Einkommen sehr bescheiden und
müssen alles, was für ihr Leben notwendig ist, irgendwie erhalten.
Dabei kommt ihnen das trockene Wüstenklima am nördlichen Ende der
Atacama trotz der Nähe zum Meer sehr entgegen. Rost bildet sich nur
langsam. So sieht man auf
den Straßen, die nach Lima hineinführen, so manches betagte Taxi aus
US-amerikanischer Produktion der 50er und 60er Jahre. Die großvolumigen
Benzinmotoren
wurden häufig durch amerikanische Dieselmotoren ersetzt, um Spritkosten
zu sparen. Dabei fällt dann auch wegen des anderen Getriebes die früher
vorhandene Lenkradschaltung fort.
Geschaltet wird mit einen kleinen Schalthebel seitlich am breiten
Getriebetunnel, der eigens für den neuen Antrieb konstruiert wurde.
Hier macht man alles, was irgendwie geht, selbst und ist äußerst
talentiert im Improvisieren.
Opel Rekord in
Callao
VW Modell "Brasilia" (70er
Jahre)... in Callao
VW
Brasilia im Neuzustand
Wir fahren im Taxi nach Lima rein, hinweg über unzählige kleine
Schwellen. Ratternd, scheppernd und klappernd bewegt sich unser Vehikel
vorwärts. Taxis gibt es in den verschiedensten Größen, vom kleinen
Daihatsu Cuore (so heißt er in Deutschland), über einen
Mittelklasse-Toyota bis hin zum Straßenkreuzer. Beliebt sind auch
die
Sammeltaxis, die man für einen Spottfahrpreis benutzen kann. Es sind
Kleinbusse, deren Sitzplatzvolumen von original 7 oder 8 auf ca. 15
erweitert wurde. Das macht das Sitzen natürlich sehr eng, es fehlt für
europäische Menschen an Bein- oder Knieraum. Die Peruaner sind in der
Regel kleinwüchsig und für sie reicht es vollkommen. Alle zwei Minuten
hält der Minibus, der Kassierer, welcher immer in Türnähe oder gar in
der offenen Tür steht, schreit etwas hinaus, animiert zum Mitfahren und
gibt die kommenden Fahrziele bekannt.
Sonntag. Wir gehen zum Friedhof. Jetzt stehen vor dem Eingangstor
mehrere Blumenhändler und bieten ihre Gestecke feil. Innerhalb der
hohen Friedhofsmauern erstrecken sich vier bis fünf Meter hohe
Totenhäuser, in denen die Überreste der Toten ähnlich wie in
Etagenwohnungen in kleinen Kammern untergebracht sind. Als äußerer
Abschluß dient eine Platte mit Fotos, Bildern u.ä., die an den Toten
erinnern sollen. Davor auf dem Sims stehen Blumenvasen oder liegen
Erinnerungsgegenstände. Auch wir gedenken unserer verstorbenen
Verwandten, sprechen ein Gebet und verweilen an der Kammer. Es herrscht
aber keine gedrückte Atmosphäre, in die gezeigte Trauer mischt sich
dann und wann auch eine fröhliche Äußerung. Totsein scheint hier
normaler zu sein als in Deutschland, der oder die Verstorbene wird in
Gesprächen für kurze Zeit wieder zu einem lebendigen Familienmitglied.
Der Totenrespekt wirkt nicht aufgesetzt und verordnet, sondern
natürlich und ungezwungen. Wir können
wohl noch viel von den Südamerikanern lernen.
Die ganze "Nekropole" wirkt sehr sauber, in den langen Gassen sieht man
Arbeiter, die auf Leitern stehend an den oberen Etagen zu tun haben. An
zentraler Stelle befindet sich ein großes Totendenkmal mit Inschriften
und Bildern. Es hat sich auch eine Abteilung Soldaten eingefunden, die
anscheinend einer Gedenkstunde beiwohnen sollen. Für mich ist diese
Totenstadt ganz ungewohnt, erscheint mir aber angesichts der
städtischen Raumnot als sehr praktisch.
Nach Chosica und Surco
Immer
dieser Nebel an der Küste, gibt es denn irgendwo Sonne? Doch, mein
Schwiegervater Enrique hat eine Idee.
"Wir fahren nach Chosica, da ist ewiger Sommer." "Wie? Wo? Was?
Chosica? Wo liegt denn das? "
"Weiter die Berge hinauf." Aha, jetzt wird mir alles klar. Zunächst
nehmen wir den Micro (Kleinbus) und steigen dann in einen richtig
großen Reisebus um. Wir quälen uns durch den zähflüssigen Verkehr der
Riesenmetropole. Ab und zu sieht man auf einer verstopften Kreuzung
einen trillerpfeifenden Schutzmann bzw. eine Schutzfrau in
ungebrochener Autoritätsausübung händefuchtelnd den Verkehr regeln.
Nach etwa einer Stunde und etlichen Stopps an Haltestellen erreichen
wir allmählich den östlichen Stadtrand.
Was ist das? Es wird heller und nach einer Weile zeigt sich sogar die
Sonne. Blauer Himmel ringsum. Enrique hat recht gehabt, wir sind aus
der Nebelsuppe in einen strahlenden Sommertag übergewechselt.
Der Blick fällt jetzt auf die in Brauntönen schimmernden Berghänge des
Rimac-Tales. Der Fluss stellt die Lebensader Limas dar, denn er bringt
die Schmelzwasser der Andengletscher in die Metropole, ohne die diese
Stadt niemals hätte entstehen können. Ab und zu taucht das Flussbett
neben uns auf, was um diese Zeit aber nur wenig gefüllt ist.
Jetzt
säumen große australische Eukalypten den Straßenrand. Wir sind in
Chosica. Überall hübsche, saubere Häuser, kleine Läden zeigen das
touristische Interesse in diesem Landstädtchen. Es scheint, als haben
sich die Besserverdienenden hier ihre Alterssitze gebaut. Als wir durch
eine Seitenstraße gehen, liegt vor uns das breite Tal. Nur wenige
Schritte weiter strömt mit großer Geschwindigkeit ein Fluss durch sein
Betonbett. Hier scheint ein Kanal für die Wasserversorgung angelegt
worden zu sein, denn der Rimac fließt weiter unten. Wir schlendern
weiter, druchqueren den Markt mit seinen reichhaltigen Angeboten an
Gemüse, Gewürzen und Folkloristischem. Dann steigen wir die
Eisenbahnbrücke hoch, die an dieser Stelle die einzige Bahnverbindung
von Lima
nach Huancayo dort oben in den Anden überspannt. Ich mache wieder ein
paar
Videoaufnahmen, als plöztzlich einer der Bahnarbeiter zu uns emporeilt
und erklärt, dass Videoaufnahmen hier verboten seien. Sollte ich etwa
im
Verdacht stehen, diese antiquierte Dieselbahn auszuspionieren? Auf
jeden Fall wieder einmal peruanische Autorität. Aber ich habe meine
Aufnahme im Kasten und es wird auch nichts beschlagnahmt.
Nach dem Ende
dieses Spuks entschließen wir uns, mit einer Moped-Rikscha noch eine kleine Rundfahrt
durch die
Stadt zu machen. Hinten sitzt man unter einer
Plane, wie auch der Fahrer vorn, und lässt sich knatternd und sausend
durch die Straßen fahren. Da wir fünf Personen sind, müssen wir zwei
Rikschas nehmen. Bald ist der Endpunkt erreicht und wir beschließen,
mit einem der wartenden Busse noch ein Stück weiter die Bergstraße in
die Anden
hinaufzufahren. Nächstes und letztes Ziel: Surco.
Der Anstieg in die Berge wird nun zunehmend steiler. Die Straße ist gut
ausgebaut. Lastwagen, PKW und Busse kommen uns ab und zu entgegen.
Felsmassive erscheinen im Blickfeld. Jetzt, in einer weiten Kurve,
nähen wir uns unserem Zielort.
Der Bus hält und nur wenige Mitfahrende steigen aus. Vor uns liegt ein
verschlafenes Bergdorf. Wir überqueren den Rimac. Nur wenige Straßen
umfasst diese Ansiedlung. Einige bunte Türen und Fenster bringen etwas
Abwechslung in die grauen Fassaden der einfachen Häuser. Ein kleiner
Laden hat geöffnet, aber was wir suchen, hat er nicht. Wir fragen nach
einem Wasserfall, der hier irgendwo sein soll. Die Angaben sind nicht
sehr genau. Ein Feldweg führt aus
dem Dorf hinaus und mündet schließlich in einen Fußpfad. Er schlängelt
sich durch das Gebüsch immer weiter nach oben. Unterwegs trennen wir
uns, da einige nicht so schnell laufen können. Enrique ist trotz seiner
73 Jahre in guter Kondition. Ich höre etwas gluckern. Das muss ein Bach
sein. Wenige Meter neben dem Pfad überklettern wir ein hölzernes
Gattertor und gehen noch ein paar Schritte höher. Dann haben wir
tatsächlich einen kristallklaren Bach vor uns. Das Wasser schmeckt
ausgezeichnet, echtes Gebirgswasser. Wir gehen zum Weg zurück und
warten auf den Rest der Familie. Nach wenigen Minuten erscheinen sie.
Aber nicht zu Fuß, sondern auf Eseln reitend. Unterwegs haben sie einen
Bauern getroffen, der sie mitgenommen hat. Jetzt wollen auch wir es
versuchen. Aber für mich ist es mit den langen Beinen nicht einfach,
mich auf dem Tier zu halten, denn es ist klein und ich muss ständig die
Beine anziehen. Sieht aus wie bei Don Quixote.
Nach einiger Zeit steige ich ab und gehe den steinigen Pfad lieber zu
Fuß weiter. Ich gebe dem Besitzer der Esel einige Soles
(peruan.Währung), aber er will sie zunächst nicht haben. Dann nimmt er
sie doch. Das ist Fremdenfreundlichkeit! Enrique geht mit mir. Bald
kommen wir an eine Stelle, wo
der Pfad sich ganz hart an einer tief abfallenden Schlucht
entlangzieht. Das erscheint mir zu gefährlich und ich verzichte auf den
letzten Teil. Die Frauen und unser Sohn gehen langsamer als ich und so
beginne ich den Rückweg allein. Da es aber mehrere Wege den
buschbewachsenen Abhang nach unten gibt und auch keine Wegweiser
existieren, gehe ich einfach den Weg weiter und verirre mich prompt.
Ich weiß nur, dass ich wieder zur Straße hinunter muss. Irgendwann
merke ich, dass dieser Saumpfad sich so wohl noch Kilometer von Hügel
zu Hügel fortsetzt.
Ich entschließe mich also, quer durchs Gelände nach unten zu gelangen.
Dabei muss ich die für die landwirtschaftliche Nutzung terrassierten
kleinen Ackerflächen und Felder überwinden. Die höchste Abstufung ist
etwa 2 Meter hoch und ich muss hinunterspringen. Einige Zeit später,
nach ein paar Kratzern und Schleifspuren, die ich mir durch dornige
Sträucher eingefangen habe, sehe ich das Bahngleis vor mir. Die
Bahn verläuft unweit der Straße, denn sie muss ja dasselbe lange, jetzt
immer enger werdende Tal benutzen, um zu den großen Höhen der Anden
hinauf zu gelangen.
Eine
kleine Strecke gehe ich auf den Bahnschienen entlang und da ist auch
schon die
Straße. Meine Kehle ist vom vielen Laufen und Springen ausgetrocknet
und so nehme ich den Wink des Schicksals gern an, der mir da vorn
hinter den Gleisen ein kleines
Restaurant direkt vor die Augen stellt. Hastig und sehr durstig gieße
ich die Limonade hinunter und gehe dann in den Ort zurück. Wenn ich
jetzt nach oben den Berg hinaufschaue, wird mir klar, dass ich mich ein
ganzes Stück
außerhalb der Ortschaft befunden habe. Wäre ich den schmalen Saumpfad
am Berghang weitergelaufen, ich wäre wahrscheinlich nicht mehr
rechtzeitig im Hellen an die Straße gelangt. Die nahende Dunkelheit
sitzt mir schon ein wenig im Nacken und ich sehe niemanden von unserer
Familie. Aber
ich bin jetzt auf der Nebenstraße, die direkt nach Surco führt. Die
große Fernstraße berührt den Ort nicht direkt, sondern weiter oben
führt eine Ausfahrt über die Flußbrücke nach Surco hinein.
Endlich bin ich angekommen.
"Wo bist du denn langgegangen?"
"Ich wollte den Weg abkürzen und habe mich ein bisschen verlaufen!
Außerdem steht ja nirgendwo ein Wegweiser!"
Das Wichtigste ist, wir haben uns noch rechtzeitig wieder
gefunden, jeder kam auf seinem Weg ins Tal zurück. Später erfahre ich,
dass Enrique tatsächlich
den gefährlichen, an der senkrecht abfallenden Schlucht
entlangführenden Weg bis zum Wasserfall gegangen ist. Respekt!
Letzte Verrichtung ist gemeinsames Füßebaden im kristallklaren
Bachwasser, danach stellen wir uns an die Straße und winken solange,
bis irgendeiner der vielen Busse hält, die hier ständig durchfahren.
Auch der PKW- und der LKW-Verkehr ist lebhaft. Nach mehr als
einer halben Stunde hält endlich ein Bus und wir fahren nach Chosica
zurück. Von hier aus nehmen wir der Einfachheit halber ein Taxi,
welches uns nach Lima zurückbringt.
Bald sind wir da. Jetzt nur noch den richtigen Weg finden. Der
Taxifahrer kennt sich hier nicht so gut aus und so dauert es eine Zeit,
bis wir durch das Gewirr der vielen Straßen nach Anhalten und Fragen
endlich den Weg zurück nach Callao
gefunden haben. Die hier im Winter an der Küste nicht sonderlich milde
Tropennacht hat sich längst über die frühere Hauptstadt des spanischen
Vizekönigreichs Peru gelegt.
Im
Reisebus nach Pisco
Im
Reisebus, der uns heute nach Pisco bringen soll, herrscht Enge. Alle
Plätze sind besetzt. Die Fahrpreise sind niedrig und so ist der
Überlandbus ein beliebtes Verkehrsmittel für alle, die ohne eigenes
Auto sind oder die die lange fahrt durch die Küstenwüste scheuen.
In munterem Tempo geht es durch Bergeinschnitte, an Dünen und
Geröllhalden vorbei. Hier hat es viele Jahre nicht geregnet. Wer
aufpasst, sieht hier und dort in der Nähe der Straße ein dürftiges
Holz- oder Pappschild, das an einem Pfahl im stocktrockenen Boden
steckt: Es soll den Anspruch seines "Besitzers" zeigen, der sich hier
niederlassen will, ob rechtmäßig oder nicht, das ist eine gute Frage.
Von einer ersten Hütte, einem Zaun oder einer anderen Spur der
Landbesetzung ist jedenfalls weit und breit nichts auszumachen. Auf
diese Weise entsteht eine neue "Invasion", die nichts anderes bedeutet
als die Landbesetzung durch zugewanderte Indios aus den verarmten
Bergregionen Perus. Man hat diesen armen Campesinos nur diejenigen
Reste der Landschaft überlassen, die für die reichen Großfarmer wegen
der armen Böden nicht interessant waren. Davon jedoch können sie nicht
überleben, und so ziehen sie talwärts in der Hoffnung auf mehr Glück
und Existenzmöglichkeiten an der Küste und in unmittelbarer Nähe zur
Carretera Panamericana.
Küstenwüste
(beginnende Atacama)
Ab und an ein
schwacher Schimmer von grüner Vegetation, immer dann,
wenn die Straße sich in ein Tal hinabsenkt, das von einem Fluss
gebildet wurde, der aber zur Zeit garnicht zu sehen ist. Nur das von
ihm hinterlassene Grundwasser ist vorhanden und man pumpt es nach oben,
um den Boden zu bewässern. So entsteht eine Art Oase. Sie besteht nicht
aus Palmen, wie man das von Nordafrika kennt, sondern hier erntet man
ganzjährig Gemüse, Maisfeldern, Wassermelonen, Avocado, Banane, Mango,
Papaya, Baumwolle und andere wärmeliebende Früchte. ann taucht vor uns
plötzlich ein Ort auf, alles von Staub bedeckt, Reklameschilder,
kleine, einfache Steinhäuser, ein Halteplatz für Busse. Zwischen den
Häusern Altmaterialien, Schrott, Steine, Holzplanken, alles grau und
schon gebraucht. Hier ist alles wertvoll, zu wertvoll, um es einfach
ohne weitere Verwendung wegzuschmeißen.
Der us biegt auf den Platz ein und hält. Reisende steigen aus, andere
ein. Auch wir steigen mal kurz aus, um das Örtchen zu besuchen, ehe der
Bus kurz darauf wieder startet. Ein Reisetempo von 120 kmh ist nichts
Ungewöhnliches für den Busfahrer, Zeit ist Geld. Nach etwa drei Stunden
haben wir unseren Haltepunkt erreicht, verlassen den Bus und warten am
Straßenrand. Während der Bus seine Fahrtstrecke entlang der Hauptstraße
fortsetzt, wollen wir direkt an die Küste nach Pisco, einem kleinen
Fischerdorf, nach welchem auch der gleichnamige Schnaps - ähnlich
schmeckend wie der griechische Raki- benannt ist. Man sieht daran, dass
hier auch Wein angebaut wird. Pisco ist in Peru weit und breit bekannt,
und man trinkt ihn gern sauer, auf englisch heißt das dann "Pisco
sour", spanisch müsste es eigentlich "Pisco Lemon" heißen. Pisco
vorgelagert sind die "Islas Ballestas", kahle Vogelfelsen vor der
Küste. Jetzt im Winter liegen sie leider hinter einer Nebelbank
verborgen.
Bald hält ein Auto am Straßenrand, nachdem wir uns durch Winken
bemerkbar gemacht haben. Es ist ein Taxi japanischer Bauart,
unauffällig wie all die anderen auch, und der Fahrer fährt uns durch
die trostlos wirkende, flachwellige Dünenlandschaft bis in den Ort. Nur
an ganz wenigen Stellen ragt mal ein einsam wachsender Eukalyptusbaum
in die Höhe. Wir sind angekommen. Ja, Pisco hat tatsächlich etwas
touristischen Flair. Es gibt einen Paseo maritimo (Strandboulevard),
schön angelegte, gepflasterte Wege, kleine Restaurants und
Andenkenläden. Man spürt, dass der Ort auf den Sommertourismus wartet.
Wir finden ein kleines Hotel mit winzigen Zimmern.
Auf dem Paseo maritimo ist zu dieser Zeit nicht viel los. Wir schauen
in einem Souvenirladen und finden allerlei indianische Folklore. Im
kleinen Hafen sieht man Fischerboote und einige wenige, die Touristen
zu den Inseln rüberbringen. Bei dem herrschenden Nebel ist das kein
wirklicher Genuss, sodass wir keinen Trip buchen wollen. Bald ist die
Nacht gekommen und wir begeben uns zur Ruhe, die allerdings durch laute
nächtliche Gespräche auf der Plaza gegenüber beeinträchtigt wird.
Zu den Islas Palomino
Wir
hatten schon seit Tagen geplant, mal eine Bootsfahrt zu den Callao
gegenüber liegenden Inseln zu unternehmen. Nachdem wir tags zuvor die
Billets bezahlt haben - übrigens keine billige Angelegenheit, da wohl
nur Touristen als Zielgruppe in Frage kommen, steigen wir nun in ein
schmales Boot, welches gegen die nicht vorhandene Sonne mittels darüber
gespannter Dachplane geschützt ist und der tuckernde Motor treibt es
vollbeladen mit Touristen ein Stück aus dem Hafen heraus. Unser
richtiges Boot liegt "auf Reede", da wohl nur dort genügend Wassertiefe
und vernünftiger Ankergrund herrscht.
'Essen inklusive' hieß es im Prospekt, was sich aber als leichte
Übertreibung herausstellt, denn wir werden unterwegs aus der Tüte mit
Kartoffelchips versorgt. Getränke gibt es in Plastikbechern. Na ja, die
Kajütyacht ist nicht sehr groß und muss ca. 15 Leute unterbringen. Es
herrscht Wellengang, vielleicht so wie Windstärke 3 bis 4. Aber Wind
ist nicht viel zu spüren, der hat vor der Küste umgedreht und ist
lieber auf den weiten des Pazifiks geblieben. Nur den Schwell hat er
uns hinterlassen, wie der Segler zu sagen pflegt.
Langsam kommen aus dem Nebel die Umrisse einer größeren Insel in Sicht.
es ist die größte der Inselgruppe, die Isla San Lorenzo,
8 Kilometer lang und von den Ureinwohnern früher als weibliche Gottheit
verehrt, wohl wegen des Fischreichtums in dieser Gegend. Ansonsten
besteht sie, soweit man erkennen kann, aus derselben Wüstenlandschaft
wie auch das Festland in diesen Breiten. Einige Bauten direkt am Strand
dienen, wie es heißt, hohen Regierungsmitgliedern zur Erholung.
Der kalte Humboldtstrom steigt
hier aus der Tiefe nach oben, bringt nährstoffreiches Wasser an die
Oberfläche und dient damit den Fischen, und über diese dann auch den
Seevögeln und Robben als Nahrungsquelle. Dafür drosselt er aber die
Verdunstung, lässt keine ernstzunehmenden Wolken aufkommen und bringt
im Winter lediglich Nebelbänke zustande, aus denen ab und an wenige
Tropfen zur Erde fallen. Soviel zur Natur der peruanischen
Küstenlandschaft.


Die Familie auf der Überfahrt
Mittlerweile
schaukelt
unsere kleine Yacht in einer Distanz von etwa einem Kilometer an der
Insel vorbei. Eine freundliche Dame, die uns auch sonst versorgt,
erklärt in spanischer und englischer Sprache, was an Wichtigem über die
Inseln zu erzählen ist.
Mit der Videokamera versuche ich, das Sehenswerteste unserer "Seereise"
festzuhalten.
Unser Fahrt geht weiter in westlicher Richtung und wir nähern uns
allmählich den Islas Palomino, die von einer Unzahl von Robben bewohnt
wird. Es ist ein ökologisch geschütztes Biotop, das man nicht betreten
darf. Bei weiterer Annäherung schlägt uns der intensive Geruch von
tierischem Kot entgegen, der aber wohl noch mehr von der dahinter
liegenden Vogelinsel stammt. Die Peruaner nennen diese Vögel die "Aves
guaneras", also Guanovögel.
Nun hört man auch die heiseren Schreie der Tiere, die hier nicht zu
Hunderten, sondern wohl zu Tausenden lagern. Manche machen uns lustige
Wasserspiele vor, hüpfen und tauchen, planschen und imponieren, machen
auf sich aufemrksam. Eventuell gilt dies auch den zu jeder
Familiensippe beigeordneten Seelöwenbullen, die sich sicher nur für die
agilsten und lebenslustigsten Weiber interessieren.
Unser Boot hat beigedreht und gibt Gelegenheit zu Foto- und
Filmaufnahmen. Währenddessen erklärt der Skipper einiges über die Tiere
und die Inseln.
Eine weitere Insel, die wir sehen, heißt Isla del Fronton, die für die
Internierung politischer, später dann auch "normaler" Häftlinge
berüchtigt ist.
Gegen aufkommende Seekrankheit, die ich diesmal aber nicht spüre, hilft
vorsorglich ein Schnaps, der mir auf Wunsch auch gereicht wird. Es ist
natürlich ein weißer Rum, denn Kornschnaps ist hier unbekannt. Und so
bleibt mein Magen tatsächlich auch stabil.
Unserem Diego ist ein bisschen unwohl und so bekommt er eine von der
Crew zur Verfügung gestellte Pille.
Nach Beendigung des Fotostopps drehen wir nach Westen ab und passieren
die Vogelinsel Isla Cavinzas, die von Pelikanen und anderen
Fischfressern übersät ist. Hier riecht es richtig schön nach Guano, dem
beliebten Gartendünger, von dem leider durch massenhaften Abbau im
letzten Jahrhundert nicht viel übrig geblieben ist. Kurz darauf kommt
eine markante Felsformation in Sicht: Ein Felsentor überspannt einen
Meeresdurchbruch und verbindet auf diese Weise zwei Inselteile.
Gegen Ende unserer Tour macht die Yacht noch in einer Bucht auf der
Rückseite der Hauptinsel San Lorenzo Station, wo auch schon ein
Segelboot vor Anker liegt. Wir verbringen die erneute Pause mit ein
wenig Knabberei und Getränk und setzen dann zur endgültigen Rückfahrt
an.
Nach fast vier Stunden erreichen wir am Nachmittag wieder den Hafen von
Callao und sind um ein Naturerlebnis reicher.
Inkafestung Pachacamac
An
einem sonnigen Sonntag - auch das kommt im peruanischen Winter mal vor
- fährt Enrique uns mit seinem alten Toyota, Baujahr ca. 1978, nach
Pachacamac. Der Name klingt, als verberge sich etwas dahinter. Und
tatsächlich ist es etwas sehr Interessantes, noch dazu direkt vor den
Toren der Metropole gelegen, nämlich eine alte Sonnenpyramide
bzw. die Reste derselben.
Der Schöpfergott 'Pacha Kamaq' soll ein weniger erfolgreicher Rivale
Viracochas gewesen sein, stammte als solcher aus der Prä-Inka-Zeit und
wurde von den Inka in deren Göttersammlung übernommen.
Nachdem wir das schier endlose Gewusel der Straßen überwunden haben,
befinden wir uns auf der "Carrera Panamericana", der großamerikanischen
Küstenstraße, die sich von Alaska bis nach Feuerland zieht und schon so
manchen Abenteuertouristen angezogen hat. Literatur gibt es genügend
darüber.
Wir fahren jedoch nur ein ganz kleines Stück darauf entlang, breit und
mehrspurig ausgebaut, solange man in Stadtnähe ist. Die Fahrbahn wird
dann mit zunehmender Entfernung immer schmaler und erreicht schließlich
die Ausmaße einer deutschen Bundesstraße.
Links wird die Sicht durch eine kilometerlange, schätzungsweise 80
Meter hohe, stabile Düne eingeschränkt, an deren Ostrand die Straße
verläuft. Armselige Hüttenquartiere am Stadtrand, kleine
Autowerkstätten und Imbissbuden, schmutzige Betonwände mit riesengroßen
Aufschriften für die nächsten oder schon vergangene Präsidentenwahlen.
Auf der anderen Seite ein paar Bäume, Gebüsch und ebenfalls einige
einfache Häuser. Dann plötzlich die Zufahrtsspuren zu den
Bezahlhäuschen für die Benutzungsgebühr. Man kennt das aus Spanien
"Toll peaje".
Bald sind wir am Ziel. Dahinten, ganz oben auf einem stattlichen Hügel,
liegt Pachacamac. Schilder weisen den Touristen den Weg. Am Fuße und
gleich am Eingang der gesamten Anlage ein kleines Restaurant mit
Terrasse und Souvenirladen, in dem auch die Eintrittskarten gekauft
werden. Weil Enrique und ich gute Wanderer sind, gehen wir zu Fuß den
langen, breiten und staubigen Weg zur Pyramide empor. Je höher wir kommen, desto
weiter schweift der Blick ins Land und aufs Meer hinaus.
An verschiedenen Stellen weiter entfernt sieht man weitere ausgegrabene
Ruinenbereiche, der bestrestaurierte Teil mit den kompletten Gebäuden
eines Klosters liegt unten neben dem Eingang und wirkt wie gerade
gebaut. Der breite Weg windet sich in einigen Kurven den Hügel hinauf
und endet dann unterhalb der eigentlichen Pyramide. Jetzt wird's
richtig steil. Wir stehen vor dem Kernbezirk. Wir betreten einen Gang,
links und rechts die ohne Bindemittel passgenau gefügten, behauenen
Steine und Felsblöcke großer Mauern. In dieser Höhe geht ein
angenehmer, kühlender Wind. Weiter oben sitzt ein Aufpasser unter einem
Sonnenschirm auf einem Stuhl. Sein Hund hilft ihm bei der Kontrolle und
streift durch die Gänge zwischen den Mauerresten.
Nun sind wir ganz oben angekommen. Ein herrliches Panorama bietet sich
dem Betrachter, wenn man den Blick nach Westen richtet. Hinter dem
weißen Strandsaum der Küstenlinie erheben sich beeeindruckend hohe
Felseninseln aus dem Meer. Dort unten entdecken wir auch die Carretera
Panamericana wieder, die sich durch den grün-grauen Küstenstreifen
zieht. Eine Stierkampfarena, grüne Felder, heller Strand dann das
tiefblaue Wasser und dahinter die Felseninseln als Relikte jener
Erdkräfte, die hier in der Tertiärzeit die Landschaft formten, das
Kordillerengebirge der Anden auffalteten und Vulkane als
Überdruckventile einbauten.
Pa-cha-ca-mac...das Wort aus der längst vergangenen Epoche der Inka,
die sich der Übermacht weißer Eindringlinge aus Europa nicht erwehren
konnte, da auch sie selbst längst durch Konkurrenzkämpfe den
Scheitelpunkt ihrer Macht eingebüßt hatte. Außerdem hatte man gegen die
eisernen Menschen mit ihren donnernden Pfeilen nichts Ebenbürtiges
entgegenzusetzen. Die Inkakultur, selbst erst 500 Jahre zuvor hier
entstanden, war eine der heutigen westlichen eine völlig
entgegengesetzte. Sie wurde beherrscht von einer Klassengesellschaft,
deren Herrscherkaste mit Blutopfern durchsetzte, was ihr nötig
erschien, die mit steinernen Waffen gegen Feinde kämpfte, Menschenopfer
an den Sonnengott um gute Ernten, Fruchtbarkeit und das Fernbleiben von
Krankheiten brachte, und in der das Individuum nicht viel, die
Gemeinschaft aber alles war.
In wenigen Jahren lösten die nicht weniger brutal vorgehenden
spanischen Eroberer auf der Suche nach Gold für ihre verschuldeten
Herrscherhäuser in Europa die Inkaherrschaft ab und installierten ein
neues Zwangssystem unter dem Zeichen ihres, wie sagten, gnädigen
Gottes. Ob der Sonnengott Inti, Ra oder Kon-tiki weniger gnädig war? In
beiden Kulturen jedenfalls mussten unschuldige Menschen für den
Wohlstand anderer ihr Leben lassen.
Wir beenden unseren Rundgang durch die erhaltenen Mauerreste und
steigen wieder hinab in die Ebene, um mit unserer Familie noch etwas zu
trinken und dann in den nächsten Ort zu fahren. Dort nehmen wir in
einem Gartenrestaurant das Mittagessen ein, nachdem wir schon - für
europäische Verhältnisse kurios - schon auf der Straße durch das
geöffnete Seitenfenster ein Stück Schweinefleisch zum Probieren
bekommen haben. Die Anwerber der Restaurants laufen neben den Autos
her, sobald diese ihre Geschwindigkeit herabsetzen und nach einem Lokal
Ausschau halten. Hier wird um jeden Gast gekämpft, denn
staatsfinanzierte Wohlfahrt ist hier unbekannt.
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